Wir kannten sie schon in der Schule, die Besserwisser. Ich weiss etwas, das Du nicht weißt! Und es gab die anderen. Das Mädchen, das uns bei der Hand nahm und uns ins Ohr flüsterte «komm mit, ich zeig Dir was». Manchmal ahnten wir schon, was kommen würde. Trotzdem gingen wir mit ihr. Wir waren verführt.
In ihren Fotografien zeigt uns Natalie Hauswirth Menschen und Landschaften, die wir so bis anhin nicht gekannt haben. Und wir betrachten sie gerne. Denn die Neugierde nach dem Unbekannten haben wir uns bis heute bewahrt. In einer ihrer gewaltigsten Bildserien führt sie uns in verborgene Gärten. Unser Blick taucht ab in tiefe, trübe Gewässer. Endlos ruht er auf dem weiten Horizont am Ende eines offenen Feldes. Dann hebt er sich gegen den Himmel, und durch den Kirschbaum in voller Blüte blinzeln wir in die Sonne.
In der Portraitserie «Under the surface» starren uns Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts an. Wir sehen ihr eingefrorenes Lächeln und blicken durch sie hindurch. Wir versinken in der Bildmitte, in ihren Augen, und sehen uns selbst. Hier wird ein tiefenpsychologisches Spiel gespielt. Natalie Hauswirth zeigt uns keine Individuen, sondern Archetypen, Urbilder unserer Seelen. Im sechsteiligen Selbstportrait «Vanishing» wird dasselbe Spiel nach anderen Regeln gespielt. Vergeblich suchen wir nach einem Gesicht, in dem wir lesen könnten. An seiner Stelle reflektiert eine weisse Fläche unseren Blick zurück zu uns selbst. Gespensterhaft. Hinter dem Grauschleier des dampfenden Badewassers schliesslich taucht das Mädchen wieder auf. Auf die grossen Fragen des Lebens folgt die Banalität des Alltags. Während wir Betrachter noch nach dem Sinn des Lebens suchen, wäscht sie sich schon mal die Haare.
Caroline Palla
